Aufbruch

Bei jedem Atemzug stehen wir vor der Wahl, das Leben zu umarmen oder auf das Glück zu warten.
Andreas Tenzer

Tiefe Nebelschwaden liegen über Graz, der Stadt, die mich so lange in ihren südlichen Flair hüllte und mich mehr oder weniger freundlich all die Jahre duldete.

Inmitten dieses Nebels ist die Melancholie der Leute zu erkennen, die so ein Jahresende mit sich bringt. Dieses „mit sich selbst abrechnen“ macht die Luft dick und raubt so manchem die feinstaubgetränkte Luft.

Das alles und das ereignisschwere Jahr drückt auch mein Gemüt und ich versuche mir durch die Hoffnung Luft zu schaffen, dass 2011 alles besser wird. Wie jedes Jahr. Es ist  eine gute Gelegenheit, wieder von vorne mit neuer Kraft mir die dichten Wolken vor dem Gesicht wegzuschieben und in die Sonne zu blinzeln. Aufzuatmen.
Durchzuatmen. Etwas, dass man erst schätzen lernt, wenn man es nicht mehr kann.
Graz zerrt an mir. Meine Gesundheit zerrt an mir. Ich muss mich schon vor der Stadt schützen.
Oder vielleicht sind es nur die Umstände, die mir so die Sicht vernebeln?

Immerhin, das neue Jahr. Ich will ohne Atemschutzmaske bestehen können. Ich will mir diese kleine

Beere als Vorbild nehmen und noch in den kräftigsten     Farben strahlen, auch wenn alles andere grau und kalt ist und niemand daran glaubt, dass ich es durchstehen werde. Doch ich lasse mich nicht einmal von der Schwerkraft nach unten ziehen.

Und nun, aus einiger Entfernung beobachtet, kann auch ich wie diese rote Beere bestehen, denn ich habe mit letztem Jahr abgeworfen, wegen dem ich am meisten drohte zu fallen: Eine „Freundin“, die mir nicht gut tat.

Über all die Jahre versuchte sie mir mein prächtiges rotes Kleid zu nehmen, denn in ihren Augen war es nichts wert. War ich nichts wert.

Sie versuchte mich nach unten zu ziehen um selbst besser sichtbar zu sein. Mit allen Mitteln wollte SIE immer die einzige und einzigartigste und bewundernswerteste Beere am Strauch sein. Solange sie von oben auf mich hinab sehen konnte und mein Handeln kontrollieren und beeinflussen konnte, fühlte sie sich wie die Beerenprinzessin. Ein höriger Untertan macht einen zu ihrer besten Freundin. Und ihr Blut ist natürlich adelig und rein. Nie war sie an irgendetwas Schuld. Sie konnte jede Beere bei den anderen zu der verabscheuenswerten Beere machen, wenn sie es wollte.
Doch keine einzige machte sie wirklich zum Freund. Jeder durfte maximal 10 Schritte an sie heran, und ihre Schönheit nur von Ferne betrachten, damit niemand sehen konnte, wo diese Schönheit zu bröckeln beginnt.

Auch wenn ich froh bin, nun die einzige Beere am Strauch zu sein und nicht mehr unter ihrer Herrschaft zu stehen, schüttle ich noch heute den Kopf über sie. Es gäbe keinen Grund, sich sogar vor mir derart beweisen zu müssen. Ich verlange doch nichts weiter. Nichts weiter, als ein wenig Entgegenkommen. Mich versuchen zu halten, wenn ich drohe zu fallen. Nicht noch nachzutreten.

Es wird ein befreiendes Jahr.

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